Magie: Die unheimlichen Gärten von Bomarzo
Die kleine Stadt Bomarzo thront – gekrönt von Palast und Dom - zwischen den Städten Viterbo und Orte auf einem Felsrücken hoch über dem Tibertal. Ihr berühmter Parco dei Mostri (Park der Monster) im Bosco Sacro (Heiligen Wald), der Pate für viele andere Parks auf der ganzen Welt stand, liegt nur einen Steinwurf entfernt. Der Park von Bomarzo ist eine bildhauerische und architektonische Wunderlandschaft, in der sich phantastische Skulpturen und Bauwerke tummeln. Hier begegnet man Meeresgott Neptun, der turmgleich neben einem großen Bassin steht; über seinen Schultern liegt ein Umhang aus Moos, von seinen Wangen sprießt ein Bart aus Farn und umrahmt den weit geöffneten Mund. Man begegnet einem Drachen, der gerade ein kleines Monster verschlingt, und erschrickt vor einem Riesen, der seinem Widersacher die Gliedmaßen verdreht. Man trifft auf einen von einem Schwarzen geführten Elefant, der mit seinem Rüssel einen römischen Legionär umwickelt, und man trifft auf das geflügelte Ross Pegasus, das sich auf einer Fontäne in die Lüfte schwingt. Im Park leben neben vielen anonymen und bekannten Gottheiten auch Nymphen, Harpyien und eine gigantische Schildkröte. Sie alle bestehen aus Vulkangestein, genauso wie die vielen Tempel, Grotten, Brunnen und Bauten mit Grabsymbolik.
Gartenkunst im Manierismus
Das Ergebnis ist beeindruckend und ein besonders erstaunliches Beispiel für die Gartenkunst im Manierismus (Stilbegriff für die Kunst der Zeit zwischen Renaissance und Barock): Es scheint, als hätten die Naturgesetze in dem Park ihre Gültigkeit verloren und als Besucher gerät man schnell in den Strudel dieser verkehrten Welt: Der Gleichgewichtssinn spielt verrückt, wenn man das „geneigte Haus“ betritt, das einst ursprünglicher Eingang zum Park war: der Horizont kippt in die Höhe, Bäume und Büsche schwanken bedrohlich.
In Stein gehauene, kryptische Inschriften erzählen dem Spaziergänger etwas vom Heiligen Wald, „der nur sich und keinem anderen gleicht“ und von seinen Bewohnern, den Göttern und Naturgeistern. Wer den Park im Herbst besucht, ist geneigt, diese unsichtbaren Bewohner als Herrscher über den Park anzuerkennen: Die aus dem Tal aufsteigenden Nebelschwaden verleihen dem Ort eine so geheimnisvolle Atmosphäre, dass Realität und Phantasie aufs Schönste miteinander verschmelzen.
Fürstlicher Bauherr mit Hang zum Schaudern
In Auftrag gegeben wurde der Heilige Wald im 16. Jahrhundert von Vicino Orsini, dem Fürsten von Bomarzo (1523 – 1584). Er war ein Freund von Kardinal Alessandro Farnese, der als Förderer der Vatikanischen Museen galt und somit möglicherweise einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung der Anlage hatte. Fürst Orsini brach in seinem Park mit den künstlerischen Regeln und dem Geschmack seiner Zeit, er schuf eine regelrechte Gegenwelt zur damaligen rationalistischen Weltauffassung.
Orsini ließ den Garten als Labyrinth anlegen, um die fantastische Architektur und die Skulpturen zur höchstmöglichen Geltung zu bringen. Er arbeitete mit Elementen der Renaissance, stellte deren Kunstprodukte aber maßstäblich verzerrt und illusionistisch überspitzt dar.
Auch wenn bekannt ist, dass das beginnende 16. Jahrhundert eine Vorliebe für Riesen und Monster hatte, so weiß man nicht, was genau den Fürsten zu seinem ungewöhnlichen Projekt bewogen hat. Es ist ein Brief an einen Freund erhalten, in dem Orsini zwar von „Gigantenfabeln und so vielen anderen extravaganten und übernatürlichen Dingen“ spricht, sich aber nicht weiter erklärt. Fest steht nur soviel: Ab 1552 machte er es sich zur Lebensaufgabe, sein Reich der Skurrilitäten zu vervollkommnen.
Bedeutung noch immer geheimnisvoll
Ob hinter all den Figuren und Konstruktionen eine geheime Bedeutung steckt ist ungewiss. Die Deutungsversuche der Wissenschafter sind ebenso vielfältig wie widersprüchlich. Es könnte sich um Bilderrätsel handeln, oder der Baron könnte versucht haben, die Rätsel der Welt zu dechiffrieren, um eine symbolische Weltgeschichte zu präsentieren. Vielleicht aber war auch nur der Wunsch eines Künstlers ausschlaggebend, der herumliegende Felsbrocken seiner Inspiration folgend bearbeiten wollte. Vielen Figuren liegen offenbar antikisierende Bildquellen zugrunde, andere könnten auf das
Versepos L’Amadigi von Bernardo Tasso, dem Vater Torquatos, zurückgehen. Darin muss der Held einen Zauberwald mit vielen Schrecken und Verführungen durchwandern, um schließlich den Ruhmestempel zu erreichen. Das „Maul der Hölle“, eine Phantasiegestalt, deren Mund eine höhlenartige Öffnung bildet, könnte vom dem Epos „Der rasende Roland“ des italienischen Dichters Ludovico inspiriert worden sein. Als Erbauer Schauerarkadiens gilt der Florentiner Amanati.
Vom Privatgarten zur Teufelslandschaft
Zur Zeit seiner Entstehung war Bomarzo ein typischer Privatgarten: weltmüde Fürsten und Höflinge fanden hier ein intellektuelles und zugleich ästhetisches Stimulans für den Trieb zum Irrealen. Der Park sollte in erster Linie erstaunen. In einer Inschrift heißt es, der Besucher soll den Park „mit gehobenen Augenbrauen und versiegelten Lippen“ durchstreifen. Jahrhundertelang galt der Park den in der Gegend lebenden Bauern als eine Teufelslandschaft und irgendwann geriet er schließlich für lange Zeit fast in Vergessenheit. Erst 1954 wurde der Park wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und somit vor dem langsamen aber stetigen Verfall bewahrt. Zu den ersten prominenten Besuchern gehörten damals der Maler Salvador Dali, die Schiftsteller Maurice Sandoz, Mario Praz und Pieye de Mandiargues sowie der Schauspieler Edward James Olmos.
Viele Sehenswürdigkeiten in Bomarzo
Bomarzo ist aber nicht nur wegen des Parks der Monster einen Besuch wert. Die kleine Stadt selbst – sie zählt nur rund 1680 Einwohner - hat noch viel mehr zu bieten, schließlich ist ihre Geschichte untrennbar verknüpft mit ihrer Lage auf einem der letzten Gebirgsausläufer, der in Richtung Tibertal verläuft. Das Gebirge besteht aus grauem Tuffgestein, das bereits seit der Prähistorie eine große Rolle spielte. Herabgestürzte Vulkansteinbrocken wurden seit jeher weiterverarbeitet, insbesondere von den Etruskern, den Römern und allen mittelalterlichen Bewohnern der Gegend. Sie nutzten die Steine zu vielfältigen Zwecken, unter anderem wurden daraus religiöse und künstlerische Objekte gefertigt. Ihren Höhepunkt erreichte die Bildhauerei dann im 16. Jahrhundert unter Fürst Orsini mit seinem Park der Monster.
Viele Häuser in der Altstadt von Bomarzo bestehen aus diesem Tuffgestein, darunter der imposante Palast von Fürst Orsini. Der Palazzo Orsini wurde von Fignola u. a. auf einer ehemaligen Lehensburg errichtet. Vom Ratssaal im Inneren genießt man eine herrliche Aussicht über den Park und das Tibertal, die Palastdecke beeindruckt durch Malereien von Anton Angelo Bonifazi. Der Palast beherbergt heute ein Museum mit einer wertvollen Sammlung moderner Kunst.
Der Domplatz von Bomarzo stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die Ursprünge der Kirche Santa Maria Assunta liegen sogar in frühchristlichen Zeiten. Die Kirche wurde später im romanischen Stil erweitert und beherbergt heute im Inneren verschiedene Fresken florentinischer Schule.
Weitere Ausflugsziele
Auch die Gegend um Bomarzo ist reich an interessanten Ausflugszielen. Noch im Gemeindegebiet Bomarzo liegt das Naturschutzgebiet Monte Casoli. In der Riserva befindet sich eine etruskische Gräberstadt, in der u. a. einige spätrömische Urnenhallen besichtigt werden können.
Und weil die Tuscia seit dem Hochmittelalter dem Patrimonium Petriangehörte, entstanden hier viele prächtige Schlösser und Villen für die Kardinäle – mit den entsprechenden Gartenanlagen. Zu den bekanntesten Anlagen zählen neben Bomarzo die Villa Lante in Bagnaia, der Palazzo Farnese in Caprarola und das Castello Ruspoli in Vignanello. Stilgeschichtlich fallen auch diese Anlagen in den Manierismus.
Von Bormazo lohnen auch Ausflüge nach Viterbo und Orte; mehrere Busse verkehren täglich zwischen beiden Städten. Viterbo ist berühmt für ihre zahlreichen Palazzi, die noch aus dem Mittelalter erhalten sind. Viterbo war Schauplatz mehrerer Konzile und ist daher auch als „Stadt der Päpste“ bekannt. Auch Orte hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, unter anderem gibt es zahlreiche Monumente und interessante Museen.
In der gesamten Region nördlich von Rom und südlich der Toskana zwischen dem Tyrrhenischen Meer und Umbrien stößt man zudem allenthalben auf mittelalterliche Dörfer und viel unberührte Natur. Die Tuscia war schon seit jeher Knotenpunkt für diejenigen gewesen, die Italien von Norden nach Süden bereisten. Ein Großteil ihrer Entwicklung verlangt die Tuscia vor allem der Tatsache, dass die Via Francigena seit dem Jahr 1000 genau hier verlief. Pilger und auch Räuber, die sie von jenseits der Alpen kommend in Richtung des Papsttums Rom begingen, haben dazu beigetragen, dass die Region reich an Traditionen und Kunstwerken ist.
Infos
Mit dem Auto erreicht man Bormazo aus dem Norden kommend über die A1, Ausfahrt Attigliano in Richtung Viterbo, aus dem Süden kommend über die Schnellstraße Orte-Viterbo, Ausfahrt Bomarzo; mit der Bahn bis nach Orte oder Attigliano.
Buchtipp
* „Verlangen nach Bomarzo“ von G. Kunert, Hanser, 13,90 Euro.
Weblinks
* Offizielle Website (englisch und italienisch): www.bomarzo.net
* Virtueller Rundgang (englisch): www.bergerfoundation.ch/Jardin/bois-sacre_english.html
* Website der Stadt: www.comunebomarzo.it