Magie: Magische Orte im Harz

Obwohl der Harz längst zu den beliebtesten Reisezielen im Inland gehört – die Touristenzahlen steigen seit der Wende stetig an – bewegen sich die meisten Besucher doch nur auf altbekannten Pfaden: sie wandern auf den Brocken, unternehmen einen Ausflug zum Hexentanzplatz, „reiten“ auf der Harzer Schmalspurbahn und besuchen die Rübeländer Tropfsteinhöhlen. Diese Top-Attraktionen gehören zum zwar – wunderschönen - Pflichtprogramm einer jeden Harzreise, sollten aber nicht die einzigen Eindrücke bleiben, die man wieder mit nach Hause nimmt. Der Reisende darf auch eintauchen in eine Welt voller Mystik, Romantik und urwüchsiger Natur. Schon Johann Wolfgang Goethe und Heinrich Heine konnten sich den Sagen und Mythen der Gegend nicht entziehen. Die geheimnisvolle Umgebung inspirierte Goethe derart, dass er eine Szene in seinem „Faust“ dort ansiedelte. Auch Heine erkletterte den Brocken und gab die Eindrücke seiner Wanderschaft in dem Gedichtband „Die Harzreise“ wieder.

Mit zauberhafter Wandergesellin auf Entdeckungstour

Ein idealer Ausgangspunkt für eine Wanderung, um den Harz in all seinen Facetten kennen zu lernen, ist der Hexenstieg. Auf diesem höchsten Punkt des Brockens standen noch vor wenigen Jahren die Kasernen der russischen Armee. Nur am Rande sei hier erwähnt: Nach dem Abzug der Militärs stellte man fest, dass der Brocken niedriger war als bisher angenommen.

Bei der anschließenden Renaturierung wurde also wieder aufgestockt… Die Höhe des Brockens wird nach wie vor mit 1.141 m angegeben. Doch zurück zum Hexenstieg: Der knapp 100 Kilometer lange Wanderweg – gekennzeichnet durch eine auf einem Besen fliegende Hexe - durchquert den Harz von Osterode im Südwesten bis nach Thale im Nordosten und verbindet vorhandene Wegeabschnitte der Harzklub-Wanderwege zu einer Mehrtagswanderung. Die Hauptstrecke verläuft über Osterode – Buntenbock – Altenau – Torfhaus – Brocken – Drei-Annen-Hohne – Königshütte – Altenbrak – Bodetal. Dem Wanderer öffnet sich ein tiefer Einblick in die geologischen Besonderheiten und die Geschichte der Kulturlandschaft. Die Hexe geleitet durch dichte Wälder, führt vorbei an steilen Felsen, zeigt einsame Seen und wilde Bäche sowie viele Zeugnisse der einstigen Bergbautätigkeit. Und wenn gespenstischer Nebel die Landschaft durchzieht, so ist man auch als einsamer Wanderer scheinbar nicht allein: Ist da nicht gerade ein Fabelwesen vorbeigehuscht? Oder war es etwa doch nur ein umgeknickter Baum?

Walpurgisnacht und Questenfest

Kein Wunder, dass sich im Harz viele Bräuche erhalten haben und es zahlreiche sagenumwobene Orte bzw. Kultstätten gibt. Zu den bekanntesten Bräuchen zählen die Walpurgisnacht und das Questenfest. Die Wurzeln der Walpurgisnacht liegen weit in vorchristlicher Zeit, sie sind germanischen Ursprungs. In der Nacht zum 1. Mai feierten die Ureinwohner ein Frühlingsfest und zugleich die Hochzeit vom Germanengott Wotan. Dabei wurden mithilfe furchterregender Masken und viel Krach böse Geister vertrieben. Im Rahmen der Christianisierung vor etwas mehr als 1.000 Jahren wurde das Spektakel der neuen Zeit angepasst: Es erhielt seinen Namen, der zurückgeht auf Walburga, eine gelehrte Frau und Äbtissin eines Klosters, die von Papst Hadrian II. wegen ihrer zahlreichen Wundertaten heilig gesprochen wurde; und es versammelten sich die Hexen auf dem Hexentanzplatz bei Thale, um von dort aus auf Besen und Mistgabeln gemeinsam zum Brocken zu fliegen, wo das eigentliche Fest stattfindet. Der Sage nach tanzen die Hexen hier rückwärtsgewandt um ein Feuer herum, küssen dem Teufel den Hintern und vermählen sich anschließend mit ihm. Als Dank zeichnet er sie mit dem Hexenmal und verleiht ihnen Zauberkräfte.
In den vergangenen Jahrhunderten sorgte eine aus verschiedenen „magischen Zutaten“ hergestellte „Hexensalbe“ für die richtige Stimmung in den Walpurgisnächten. Die Zutaten, wie Mistel, Johanniskraut, Stechapfel, Tollkirsche, Schierling u. a. Nachtschattengewächse, bewirkten bei den Damen einen Rauschzustand, der ihnen das Gefühl des Fliegens vermittelte und wohl auch für Erlebnisberichte von Orgien mit dem Teufel verantwortlich war.
Die der ursprünglichen Walpurgisnacht zugeschriebenen Ereignisse fanden, so vermuten Wissenschaftler, übrigens weder auf dem Hexentanzplatz bei Thale noch auf dem Brocken statt, sondern auf dem Gipfel des Wurmberges.
Das Questenfest wird jährlich zu Pfingsten in dem am südlichen Harzrand gelegenen kleinen Ort Questenberg begangen. Es hat seine Wurzeln vermutlich in einem germanischen Sonnenkult, wobei die Queste als Sonnensymbol gedeutet wird. Die Queste - in Form eines riesengroßen Kranzes – wird an einem Baumstamm befestigt und am Pfingstmontag bei Sonnenaufgang wieder heruntergenommen. Der Kranz wird dann frisch gebunden und am Nachmittag wieder am Stamm angebracht. Der gesamte Vorgang wird von einem großen Volksfest umrahmt.

Eine Treppe für die Hexen

Zu den sagenumwobenen Orten bzw. Kultstätten im Harz gehören unter anderem die Hexentreppe auf dem schon erwähnten Wurmberg, der Alte vom Berge, der Menhir bei Benzingerode, die Rhumequelle, die Rosstrappe, der Sachsenwall, die Steinkirche und schließlich der Klusfelsen. Auf dem von Menschenhand eingeebneten Plateau des Wurmbergs befinden sich die Überbleibsel einer Jahrtausende alten Kultstätte. Obwohl sie mit ihren 1.200 m Länge zwar die größte bisher bekannte dieser Art im Harz ist, ist über ihren ursprünglichen Zweck nichts bekannt. Alte Funde lassen darauf schließen, dass einst der gesamte Gipfel des Berges mit zu dieser Kultstätte gehörenden Wegen und Gebäuden überzogen war. Während ein großer Teil der steinzeitlichen Bauwerke modernen Anlagen, wie z. B. der Sprungschanze, weichen musste, sind die Hexentreppe und ein daran anschließender Weg noch erhalten geblieben.

Ein mürrischer Alter auf dem Berge

Auch bei dem Alten vom Berge, einem natürlich entstandenen großen Steinkopf an den Kästeklippen, wird vermutet, dass er einst Teil bzw. sogar der Grund für einen Kultplatz an diesem Ort war. Dem alten Mann scheint dies ziemlich egal zu sein: Er blickt seit Jahrtausenden, mit mürrischem Blick, das linke Auge von der etwas zu groß geratenen Braue halb verdeckt, unverwandt hinab ins Okertal… Apropos Kästeklippen:

Die Gruppe beeindruckender Granitfelsen hoch über dem Tal erhebt sich bis zu 605 m über den Meeresspiegel; die Felsgebilde zählen zu den beliebtesten Ausflugszielen im nördlichen Harz. Die heutige Form der Kästeklippen ist der besonders für Granit typischen „Wollsackverwitterung“ zu verdanken. Diese bringt bei massivem Gestein abgerundete Blöcke hervor, welche an das Aussehen von Wollsäcken erinnern. Erwandern kann man die Kästeklippen vom Romkerhaller Wasserfall, dem Goslarer Stadtteil Oker oder von Bad Harzburg aus; von Bad Harzburg aus fahren zwischen April bis Oktober auch Pferdekutschen zur Kästeklippe. In der Nähe der Kästeklippen befinden sich noch weitere mächtige Felsformationen, wie z. B. die Hexenküche, die Mausefalle und die Feigenbaumklippe.
Sogar Relikte der steinzeitlichen Megalithkultur – als bekanntestes Bauwerk gilt Stonehenge in Süd-England - finden sich in Form von aufrecht stehenden Steinsäulen (Menhiren) im Harz! Der Menhir von Benzingerode ist mit etwa 4,50 m Höhe der größte im Harz. Er steht mitten auf einem Feld bei Benzingerode und sein Alter wird auf mehr als 4.000 Jahre geschätzt. Menhire könnten einst dem Ahnengedenken bzw. dem Fruchtbarkeitskult gedient haben.

Auf den Spuren sagenhafter Königstöchter
Im wahrsten Sinne des Wortes sagenhaft ist der Platz rund um die Rhumequelle, die nördlich von Rhumespringe zwischen Duderstadt und Herzberg am Südwestrand des Harzes zu finden ist. Laut Sage wurde Ruma, die Tochter des Zwergenkönigs, von ihrem Vater in einem unterirdischen Verlies gefangen gehalten, weil sie sich mit Romar, einem verfeindeten Riesen, vermählt hatte. Der Zwergenkönig tötete deren gemeinsames Kind. Doch weil Ruma die Tochter einer Wassernixe war, verwandelte sie sich in eine Quelle und bahnte sich so ihren Fluchtweg durch die Felsen. Es heißt, dass sich das Wasser der Rhumequelle von Zeit zu Zeit rot färbt – vom Blut des ermordeten Kindes…
Die Quelle ist die drittgrößte Quelle Europas – sie hat noch mehr als 300 Nebenquellen - und eines der bedeutendsten Naturdenkmäler in Norddeutschland. Aus der Rhumequelle fließen etwa fünf Kubikmeter Wasser pro Sekunde.
Sagenumwoben ist auch die Rosstrappe. Auf dem markanten Felsvorsprung, der gegenüber vom Hexentanzplatz liegt und weit in das Bodetal hineinragt, ist klar und deutlich der Abdruck eines Hufeisens zu sehen. Auch in dieser Sage geht es um eine Königstochter: Auf der Flucht vor dem wilden Böhmenkönig Bodo hat sich die schöne Brunhilde durch einen waghalsigen Sprung mit ihrem Pferd über das tiefe Tal eines Gebirgsbaches zum gegenüberliegenden Felsen gerettet. Bodo verlor bei dem Sprung sein Leben, die Königstochter ihre Krone. Noch heute bewacht König Bodo – jetzt in Gestalt eines Hundes – im „Kronensumpf“ des Baches die Krone der Prinzessin…
Zu erreichen ist die Rosstrappe von Thale aus mit dem Auto oder mit dem Sessellift.

Reste einer Befestigungsanlage
Ganz in der Nähe befindet sich der Sachsenwall – er zieht sich quer über das Gelände des Hexentanzplatzes vom Steinbachtal bis zum Bodetal. Bei dem Wall handelt es sich um eine Granitmauer, über deren Alter sich die Wissenschaftler streiten. Während manche von rund 1.500 Jahren sprechen, gehen andere davon aus, dass sie noch wesentlich älter sein muss. Einig sind sich die Forscher nur über den Zweck der Anlage: Vermutlich war sie Teil einer komplexen Befestigungsanlage. Im Bereich des Sachsenwalls wurden ein Opferstein und eine bronzene Keule gefunden, die als Kultobjekte einer frühzeitlichen Sonnenverehrung angesehen werden.

Kirche auf 10.000 Jahre altem Kultplatz
Im Talhang über dem kleinen Ort Scharzfeld befindet sich eines der bedeutendsten Kulturdenkmale Niedersachsens, die so genannte Steinkirche. Zahlreiche Sagen und volkstümliche Überlieferungen ranken sich um diese kleine Kirche, sie handeln u. a. vom Heiligen Bonifatius, von Eremiten und weisen Frauen, die hier – unabhängig voneinander – gewirkt haben sollen. Die Kirche besteht aus einem fast rechteckigen Höhlenraum und einem großen Vorplatz. Laut Archäologen wurde die Höhle schon vor etwa 10.000 Jahren von Rentierjägern und später von Germanen als Kultstätte genutzt. Seit dem frühen Mittelalter sollen hier auch Gottesdienste stattgefunden haben. Es wird vermutet, dass die Höhle zur Zeit der Kreuzzüge in eine Nachbildung eines Felsengrabes verwandelt wurde. Kanzel, Altarplatz und die Nische für den Weihwasserbehälter sind noch erkennbar.

Ein Felsen mit Kapelle und eine Ruine mit Höhle
Als Kultstätte hat in vorchristlicher Zeit vermutlich auch der Klusfelsen gedient. Die steil aufragende Felsformation aus sehr weichem Sandstein befindet sich am Rande eines kleinen Waldstückes östlich der Altstadt von Goslar. Im Mittelalter wurden in den Felsen zahlreiche Treppenstufen und mehrere Höhlen – der Überlieferung nach von einem Einsiedler - hineingemeißelt. Eine der Höhlen wurde im 19. Jahrhundert als Kapelle (Kluskapelle) hergerichtet, ist aber nicht öffentlich zugänglich. Wer den Klusfelsen besucht, sollte einen Abstecher zur Ruine Petersberg machen. Dieses um etwa 1050 von Heinrich III. erbaute Kloster wurde zwar in der Zeit des Bauernkrieges zerstört, es sind aber noch die Grundmauern und einige Säulenreste erhalten. Unter der Ruine soll sich eine von außen nicht zugängliche große Höhle befinden…

Buchtipp


* „Die schönsten Routen im Harz“ von Frank Klose, Sabine Steinert. Bruckmann, ISBN 3765438731.