Magie: Magische Orte St. Michaelsmount
Die direkt vor der Küste der Grafschaft Cornwall gelegene Felseninsel St. Michael’s Mount grüßt den Besucher schon von weitem mit ihrer imposanten Festung, die einst Benediktinerkloster war und wie nahtlos aus dem Felsen gewachsen scheint. Bei Niedrigwasser kann man von dem nahe Penzance gelegenen Ort Marazion aus auf dem Meeresgrund trockenen Fußes die rund 400 Meter bis zur Insel hinüberspazieren – bei Flut ist sie nur mit der Fähre zu erreichen. Der Hafen allein schon ist eine Überfahrt wert. Er stammt noch aus dem Spätmittelalter und war einst wichtiger Umschlagplatz für Waren aus aller Welt – Frachtschiffe von 500 Tonnen und mehr liefen den Hafen an. Sogar einige alte Minenhäuser findet man hier noch; auf dem Felsen wurde eine der ersten Zinnminen Englands betrieben.
Vom Kloster über die Trutzburg zum Schloss
Die Festung auf dem Inselberg ist noch wesentlich älter als der Hafen - sie hat ihren Ursprung im 6. Jahrhundert – und diente zunächst den keltischen Mönchen als Kloster. Wegen der Erscheinung des Heiligen Michael war sie schon sehr früh ein begehrtes Pilgerziel. Im Zuge der normannischen Eroberung durch William the Conqueror wurde das Kloster im 11. Jahrhundert dem Benediktinerorden von St. Michel in der Normandie als englische „Dependance“ überantwortet. Im Mittelalter gehörte es zu den wichtigsten Wallfahrtsstätten Englands. 1535 wurde die Insel der Krone übereignet, und Heinrich VIII. ließ das Kloster im Rahmen seines landesweiten Seefestungsprogamms zu einer militärischen Trutzburg ausbauen.
Seit 350 Jahren private Residenz
1659 schließlich kaufte die Familie Aubyn den Mount und verwandelte die Burg in ein Schloss, ohne dabei den äußeren Charakter zu zerstören. Das Wohnrecht wurde von Generation zu Generation vererbt. Noch heute lebt ein Nachfahre der Aubyns hier, Lord St. Levan; er hat den gesamten Besitz 1954 dem National Trust vermacht. Außer ihm, Mylady und einigen Angestellten wohnen noch rund zwei Dutzend Menschen in dem kleinen Dorf am Fuße des Schlossberges; in früheren Zeiten waren es rund 300.
Mit Tee und Times mitten durch den Berg
Lord Levan ist – nach einigen Lehr- und Wanderjahren – erst 1976 auf das Schloss zurückgekehrt. Hier lebt er deutlich bescheidener als seine Vorfahren. Als seine Eltern aus Altersgründen aufs Festland zogen und einen Großteil des Hauspersonals mitnahmen, stockte der Lord es erst gar nicht wieder auf. Aber der Lord wäre kein Brite, wenn er nicht auch Traditionen schätzte: Seit einer kleinen Ewigkeit schon setzt man im Schloss auf eine Lore, die mitten durch den Berg, direkt in den Ostflügel des Schlosses rollt und den Lord mit allem versorgt, was das britische Herz begehrt. Dass Tee und Times und alle anderen Bestellungen manchmal auch auf der Strecke bleiben, weil die Lore schon ihre altersbedingten Zipperlein hat, nimmt man gelassen in Kauf.
Führungen durchs Schloss
Mit Ausnahme der Privatgemächer von Lord St. Levan kann man fast alle Räume des Schlosses besichtigen. Und natürlich erfährt man hier viele hübsche Geschichten. So zum Beispiel die des fünften Barons von St. Michael, der ein leidenschaftlicher Spieler war. Er war so hoch verschuldet, dass ihm die Gläubiger eines Tages sogar bis auf die Burg folgten. Der Baron sah keinen anderen Ausweg mehr, als sich im Kamin zu verstecken. Weil seine Beine aber noch zu sehen waren, wurde er von der Kammerzofe mit einem Lied gewarnt, das bald sehr populär werden sollte: „Zieh Deine Beine hoch, Sir John“, sang sie – und der Lord kam noch einmal davon. Für die von den Touristen bei Schlossführungen immer wieder gern gestellte Frage, ob das Schloss denn auch ein Gespenst habe, haben die Angestellten der Lordschaft nur ein unschuldiges Lächeln übrig: „Also, uns ist noch nie eines begegnet – dabei wohnen wir schon mehr als 300 Jahre hier…“
Heißer Draht ins Universum
Auch wenn es auf der Insel offenbar nicht spukt, so sollen dennoch unsichtbare Kräfte am Werk sein. Vor allem auf dem rauen Felsen hinter dem Schloss nämlich wollen neuzeitliche Druiden und Wünschelrutengänger gleich ein ganzes Bündel an Energieströmen ausgemacht haben. Diese sollen aus verschiedenen Richtungen kommen und hier wie eine Energiespirale aufsteigen. Die Erkenntnisse stützen die Legende, nach der Fischer hier im fünften Jahrhundert die Erscheinung des Heiligen Michael bzw. eine Manifestation der starken Energieströme gesehen haben. Wer an diesem Platz steht, hat quasi einen heißen Draht zum Universum.
König Edward und der Kneipengänger
Damals wie heute sind die Inselbewohner auf Schritt und Tritt aber auch von ganz handfester Geschichte umgeben. Ihr Wissen darüber teilen sie gerne mit den Insel-Gästen, die – auch wenn ihre Zahl stetig steigt und bei aktuell rund 200.000 pro Jahr liegt – sie herzlich willkommen heißen. So erfährt man schon bei den Treppen an der Uferstraße des Hafens, dass man auf echten King Steps wandelt. König Edward VII. soll 1902 genau hier an Land gegangen sein. Gerne wird in diesem Zusammenhang auch kolportiert, dass Edward auf der Treppe von einem Betrunkenen beschimpft wurde, der gerade aus einem nahe gelegenen Pub torkelte. Edward was not amused und der Pub wurde noch am selben Tag geschlossen. Das Haus, in dem sich die Kneipe befand, steht noch am selben Platz.
Heiliger Bauherr mit frankophiler Ader
Wie der St. Michael’s Mount so ist auch sein großer und wesentlich bekannterer Bruder auf der anderen Kanalseite, der Mont St. Michel in der Normandie, lange Zeit das Ziel großer Pilgerströme gewesen. Schon die Kelten, Römer und christliche Einsiedler nutzten den damals noch von einem riesigen Wald, dem Forèt de Sissy, umschlossenen Felskegel als Kultstätte.
Die Legende besagt, dass Erzengel Michael hier 708 dem Erzbischof von Avranches erschienen ist und den Bau einer Wallfahrtskapelle auf dem Gipfel des Berges - damals noch „Mont Tombe“ (Berg des Grabes) - befohlen hat. Weil der Erzbischof der Erscheinung aber keinen Glauben schenken wollte, musste der Himmelsbote ein zweites Mal erscheinen. Diesmal berührte er den Zweifelnden so unsanft mit dem Finger, dass eine Delle in seiner Schädeldecke zurückblieb – die übrigens noch heute als Reliquie in der Stadt Avranches zu bestaunen ist. Nach dem göttlichen „Fingerzeig“ begann der Bischof mit dem Bau der Basilika zu Ehren des Heiligen Michael. Obwohl nur kurz darauf eine Sturmflut den Felsen vom Festland abschnitt, wagte man es nicht, die Bauarbeiten zu unterbrechen.
Das Wunder des Abendlandes
Im 10. Jahrhundert übernahmen Benediktiner aus St. Wandrille das Regiment auf dem Pilgerberg und bauten die Kapelle zu einer zweischiffigen Kirche (Nôtre-Dame-sous-Terre) aus. Im 11. Jahrhundert mussten die Vorgängerbauten einer romanischen Abteikirche weichen, lediglich die Krypta, die Nôtre-Dame-sous-Terre, erinnert noch an das alte Gotteshaus. Die kühnen Pläne, auf dem Granitplateau eine Abtei zu errichten, standen unter keinem guten Stern. Immer wieder stürzten Wände ein und erst um 1150 konnte die Kirche nach Errichtung der Kreuzgratgewölbe und des Vierungsturmes vollendet werden. Unter Abt Robert de Thrurigny entwickelte sich der Mont St. Michel zu einem Zentrum der Gelehrsamkeit und auch der politische Einfluss der Mönche wurde immer größer, was sich auch in der Gründung zahlreicher Tochterabteien niederschlug, so zum Beispiel St. Michael’s Mount.
Nachdem der französische König Philippe Auguste im 13. Jahrhundert die Normandie erobert hatte, wurde der „La Merveille“ (Das Wunder“) genannte, meerwärts gerichtete Nordflügel gotisch umgestaltet; aus dieser Zeit stammen das Refektorium, der Rittersaal und der Kreuzgang mit 220 zierlichen Säulen. Weil der Platz in der Breite begrenzt war, musste in die Höhe (160 Meter!) gebaut werden.
Während des Hundertjährigen Krieges schützte man den Berg durch eine weitere Befestigungsanlage. Obwohl die Stadt Mont-Saint-Michel fast vollständig zerstört wurde, zog das Kloster weiterhin Pilger an. Ein besonders bemerkenswertes Phänomen sind die zahlreichen Kinderwallfahrten aus Deutschland in den Jahren 1456 bis 1458; allein aus Schwäbisch Hall zogen 1458 etwa 100 Knaben zum Mont St. Michel.
Bis ins 16. Jahrhundert hinein glich der Berg einer Baustelle. Beendet wurde der Klosterbau erst 1520 mit der Fertigstellung des Chors im spätgotischen Stil – 800 Jahre nach Baubeginn war das „Wunder des Abendlandes“ damit vollendet.
Während der Religionskriege begann der Verfall des Mont St. Michel: Ein Abt brannte mit der Klosterkasse durch, das Kloster geriet in einen immer desolateren Zustand. Während der Französischen Revolution wurde der Berg säkularisiert und in einen Kerker umgewandelt, der im Volksmund „Bastille de la Province“ genannt wurde. Bis 1863 saßen hier rund 18.000 Menschen ein. Erst 1836 hatte sich eine Bewegung um den Schriftsteller Victor Hugo für die Wiederherstellung des architektonischen Schatzes eingesetzt. Mit Erfolg: Das Gefängnis wurde geschlossen. 1874 wurde der Mont 1874 zum schützenswerten historischen Monument erklärt. Mit den Mönchen, die seit 1966 wieder auf dem Mont leben, kamen die Touristen; mittlerweile sind es rund 3,5 Millionen jedes Jahr.
Nur mit Führung durchs Watt
Ursprünglich war auch der vor der Küste der Normandie gelegene Mont St. Michel nur bei Niedrigwasser zu Fuß zu erreichen. Erst 1879 wurde ein zwei Kilometer langer Damm gebaut, der die Insel nun gezeitenunabhängig mit der Küste verband. Der Damm soll allerdings schon bald einer Stelzenbrücke weichen, um eine weitere Versandung der Bucht – durch die Unterbrechung der natürlichen Meeresströmungen – zu verhindern.
Die Gezeitenkräfte in der Gegend um den Berg sind ungewöhnlich hoch: Das Wasser kommt mit ca. einem Meter pro Sekunde, der Tidenhub liegt bei bis zu 15 Metern. Victor Hugo sprach von Fluten „à la vitesse d’un cheval au galop” („mit der Schnelligkeit eines Pferdes im Galopp“) und mittelalterliche Pilger nannten die Abtei auch „Mont-Saint-Michel au péril de la mer“ bzw. (lat.:) „Mons Sancti Michaeli in periculo mari“ („Mont St. Michel in den Gefahren des Meeres“). Zahlreiche Pilger sollen in der Brandung ums Leben gekommen sein.
Auch heute noch ist der Weg von der Küste über das Watt zum Mont St. Michel wegen der schnell kommenden Flut und Treibsänden nicht ungefährlich. Von Genéts vorbei an der unbewohnten Felseninsel Tombelaine gibt es geführte Wattwanderungen.
Infos
St. Michael’s Mount erreicht man per Flugzeug (Bristol), Schiff/Pkw (Fährpassage Dover - Calais) oder Bahn/Pkw (Eurotunnel: Folkestone - Calais) – dann per Pkw oder Bahn über Marazion oder Penzance weiter zum Mount. Unbedingt empfehlenswert sind Ausflüge nach Dartmoor (Wanderung durch die Hochmoorlandschaft), Falmouth (Spaziergang entlang des Küstenweges bis zur historischen Festung Pendennis Castle), Padstow (hier steht Prideaux Place, das herrschaftliche Landhaus aus dem 16. Jahrhundert, das schon in einigen Rosamunde Pilcher-Verfilmungen zu sehen war), St. Ives (Künstlerstadt mit zahlreichen Museen und Galerien), Polperro (einst berühmt-berüchtigtes Schmugglernest) und natürlich Land’s End (der südwestlichste Zipfel Englands).
Den Mont St. Michel erreicht man per Pkw, Flugzeug (Paris) bzw. Bahn (Rennes, Bustransfer über St. Malo zum Mont). Empfehlenswert sind Ausflüge nach Dinan (als Ville d’Art et d’Histoire ein nationales Kulturdenkmal, für manche die schönste Stadt der Bretagne), zum Cap Frehel (legendäres Naturschutzgebiet, tief zerklüftete Klippen aus rosafarbenem Sandstein und – per Fähre - auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey.
Buchtipps
Ralf Nestmeyer: Cornwall & Devon, Michael Müller Verlag, 12,90 Euro.
Claude Quétel: Der Mont-Saint-Michel, Theiss-Verlag, 29,90 Euro.
Jochen Grashäuser, Walter Schäffer: Bretagne. Reisehandbuch, Michael Müller Verlag, 22,90 Euro.
Weblinks
http://www.stmichaelsmount.co.uk/
Die Abtei Mont St. Michel: http://www.raetsel-der-menschheit.de/forgot/mont_saint_michel.net/
Le Mont St. Michel: http://www.mont-saint-michel.net/
Video: Mont St. Michel in „Schätze der Welt“: http://www.schaetze-der-welt.de/denkmal.php?id=18